Nemo Karow
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Gleich mehrmals öffnet sich der Boden unter den Figuren, der Hass droht sie zu verschlingen, dann springen sie zurück und bedecken den Abgrund mit einem provisorischen Boden: Small Talk, Schmeichelei, einem Seien-wir-doch-vernünftig! Jedoch, schon ein paar Minuten später tut sich der Abgrund wieder auf, ein Zimmervulkan der verdrängten Wut offenbart sich, es ist der Gott des Gemetzels, der Hass zwischen uns allen. Es ist die pure Mechanik, und sie können nichts dagegen tun, es ist stärker als sie. Das Zwanghafte, es sitzt in den Augenfalten von Jodie Foster, im gemütlichen Gesichtsfett von John C. Reilly, im Grinsen von Christoph Waltz, in der bodenlosen Nervosität von Kate Winslet. Wenn man davon redet, dass hier ein Turnier unter Großmeistern stattfindet, dann muss man auch sagen, wer es gewinnt. Es ist der Europäer Christoph Waltz, dessen ergebenes Höflichkeitsgrinsen die Errungenschaft einer offenbar untergehenden Zivilisation ist: ein elastisches, überdehntes, an die Grenzen des Möglichen gehendes Friedenssignal, unter welchem die Mundwinkel und das ganze Waltz-Gesicht zu zerreißen drohen, ein Lächeln, welches an einen überspannten Bogen erinnert: die größte Wut, in einen Habitus umgeschlagen – nach innen gestülpter, konkaver Hass sozusagen.
Peter Kümmel: Von schlimmen Eltern in "Die Zeit" / 24.11.2011
[...] Solange ich ein Modell nicht als das einzige, das beste und schönste darstellen muss, kann ich darauf verzichten, die Wahrheit des Modells in den Vordergrund zu stellen. Das Modell muss nur helfen, es muss funktionieren, nicht die Wahrheit verkörpern. Sobald ich aber wieder an etwas glaube, bin ich gleich mitten drinnen im Dschungel der Wahrheiten. An was denn sonst sollte ich glauben, wenn nicht an die Wahrheit? [...]
Heinz Peter Wallner aus "Brauchen wir Meinung und Wahrheit?" (hpwallner.at) / 11.04.2010
Der ökonomische Siegeszug von iPad und iPhone geht mit einem schrecklichen emotionalen Niedergang einher, wie ihn zuvor Bionade, Latte Macchiato und Joschka Fischer erlebt haben. Ein ursprünglich angenehm anderes Etwas, das seinen Anhängern ein Robin-Hood-Gefühl gab, ist durch seine Vermassung entleert worden. Was früher cool war, wird zum Inbegriff des Uncoolen. Was jeder hat, taugt nicht länger zum Abgrenzen. Das wertvollste Unternehmen der Welt produziert, was alle wertvollsten Unternehmen produziert haben: seelenlosen Krempel. Apple ist wie Sushi - einst exklusiv, heute Arschgeweih.
Hajo Schumacher auf SPIEGEL ONLINE / 27.08.2011
sitzen, in einem raum, auf einem stuhl. das ist es. einfacher raum. einfacher stuhl. atmung geschieht. der körper ist warm. geräusche. essensgerüche. eine fliege brummt. das ist es schon. was für eine riesenenttäuschung für den verstand. er hat soviel mehr erwartet!
Jeff Foster im Interview mit Dietmar Bittrich in "sein" 2/2011
in mancher hinsicht kann man kunst definieren als vom menschen hergestellte objekte, deren hauptzweck es ist, auf sich selbst aufmerksam zu machen, und deren größter wert in den sinnlichen reaktionen liegt, die sie provozieren, evozieren oder verweigern. wirklich große kunst dient letztlich ebensowenig wie große musik einem zweck.
john perreault: bemerkungen und anmerkungen zur zeitgenössischen kunst, aus "acid" - herausgegeben von rolf dieter brinkmann und ralf-rainer rygulla
raja-yoga, in einem etwas weiter gefassten sinn, ist ein geistiges yoga, eine form geistiger disziplin, die dem einzelnen einen weg der bewusstseinsentwicklung, der höheren bewusstwerdung, aufweist und dies ohne die möglichkeit, verantwortung - vor allem die für sich selbst zu delegieren, wie dies in fast allen "guru-traditionen" geschieht, auch den subtilsten. ich glaube, dass es dem mehrheitlich aus dem kosmischen lot geratenen menschen der herrschenden bewusstseinsformation vor allem anstünde, sich im tiefsten sinne selbst zu ergreifen oder, wie der romantische dichter novalis schreibt, "sich seines transzendenten selbstes zu bemächtigen". genau dies ist genuines "westliches yoga". asanas mögen dann zusätzlich praktiziert werden, essenziell sind sie nicht. möglich sogar, dass sie "stören" oder ablenken. gerade im hatha-yoga liegt auch die gefahr eines subtilen materialismus, einer körperbezogenheit, die das physisch-sinnliche nicht überschreitet, sondern gerade festzurrt, also das gegenteil von dem erreicht, was idealiter angestrebt wird.
letztlich können wir der frage nicht ausweichen, worum es überhaupt geht in der menschlichen existenz, was es auf sich hat mit dem menschen generell und dem einzelnen. dieser einzelne ist im kern auf sich selbst zurückgeworfen, kann sich nie entgehen (und darf sich auch nicht entgehen). jeder tod ist einzeln und individuell. täusche dich nicht darüber! ich glaube das jede spielart des spirituellen kollektivismus auf selbstbetrug und selbstverrat hinausläuft. gerade das selbst, so verhöhnt und missbraucht, bedarf der stärkung: über das vertiefte ich zum ich. über das kleine zum großen ich. dies ist der weg des "königlichen yoga", wie ich ihn verstehe.
[...] die zeit wurde als thema entdeckt, nicht zuletzt, weil sie durch die verbreitung öffentlicher uhren auch sichtbar wurde. nun wurden die menschen nicht mehr vom gestirnten himmel über ihnen regiert, fortan regierten sie sich, mit fleißiger unterstützung der chronometer selbst. gott dagegen wurde „zeitlich“ enteignet, die zeitherrschaft ging auf die weltlichen herrscher über. die teilten dann bald ihre untertanen in pünktliche und unpünktliche bewohner ein und nötigten sie, ihr leben nach terminen zu gestalten. das zinsverbot wurde aufgehoben, die ersten banken gegründet und die doppelte buchführung erfunden. kurz gesagt: der kapitalismus wurde auf jene schiene gesetzt, die später dann auch zum beschleunigbaren eisenbahnwesen führte. nicht mehr länger ist zeit ein gottesgeschenk, sie wird zur knappen ressource, mit der kalkulatorisch umzugehen ist. es ist die mechanische uhr, die den kapitalismus auf betriebstemperatur gebracht hat. [...] gestern dann - vor ca. 250 jahren – wurde alles anders: [...] obgleich in einem ausmaß wie nie zuvor in der geschichte zeit gespart wird, ist immer weniger von ihr da. ... heute wird es wieder anders, anders schneller als bisher. beschleunigt wird jetzt immer mehr durch vergleichzeitigung, durch zeitverdichtung. ... karriere machen nun nicht mehr die pünktlichen, karriere machen die flexiblen. [...] geschwindigkeit wird alles sein. "bist du nicht der schnellste, dann bist du der letzte",... [...] untersuchungen zeigen eine deutliche steigerung unserer sprechgeschwindigkeit. [...] was aber tun wir eigentlich mit der zeit, wenn wir sie gerade eben mal nicht beschleunigen? dann nutzen wir sie, um ordnung in unserer nahen und fernen welt zu machen. [...] spätestens in der ersten klasse der grundschule müssen kinder lernen, wie man die zeit an der uhr ablesen kann, und daß es die zeit der uhr ist und nicht das eigene zeitgefühl, nach der man sich zu richten hat. [...] man sollte zur kenntnis nehmen, daß die zeit nicht schnell und auch nicht langsam vergeht. wir laufen nur zu schnell oder zu langsam an ihr vorbei. das kann man vermeiden. und das sollte man auch vermeiden.
[...] der integrale ansatz ist eine ernsthafte möglichkeit, theorie und praxis als eine einheit zu verstehen. diesen ansatz anzuwenden, und in den gesellschaftlichen bereich zu übertragen, ist anspruchsvoll und komplex, und es bedarf eines sensiblen und zugleich mutigen vorgehens. es ist von großer bedeutung, hilfreiche werkzeuge aus verschiedenen ansätzen zu nutzen und miteinander zu kombinieren, ohne deren essenz zu verwässern. um der gefahr der beliebigkeit zu begegnen ist es wichtig, sehr genau traditionslinien und kontexte zu kennen, ernst zu nehmen und zu würdigen.
wo sehen sie die positiven seiten der angst?
ich sage immer: angst deckt auf, was einem wichtig ist, und die eigenen werte kommen zum vorschein. wenn jemand sagt, mein höchster wert ist zu heiraten und meine beziehung darf niemals scheitern, dann wird man davor angst haben, dass der partner einen nicht mehr liebt. ängste sind die folge von grundwerten.
christian weber: sozialer wandel bringt aber auch fortschritte.
hartmut rosa: wenn das tempo stimmt. doch die halbwertzeit des sozialen wissens schrumpft derzeit so schnell, dass wir uns ständig mit seiner aktualisierung beschäftigen müssen, seien es adressen, telefonnummern, passwörter, parteiprogramme, die bedienung von computerprogrammen oder technischen geräten. das führt zu einer gegenwartsschrumpfung, die vor allem älteren menschen probleme bereitet: alte menschen sind heute diejenigen, die sich nicht in die stadt trauen, weil sie nicht wissen, wie der fahrkartenautomat funktioniert. alter wird entwertet, weil erfahrung entwertet wird. es gibt nicht mehr den weisen alten, der weiß, wie die dinge laufen. man hat die welt nie ausgeschöpft und kann deshalb nicht mehr lebenssatt sterben. christian weber: aber könnte lebenserfahrung nicht helfen beim umgang mit menschlichen grunderfahrungen, die immer gleich bleiben: niederlagen, liebe, tod?hartmut rosa: das stimmt nur begrenzt. auch liebe und partnerschaft zum beispiel werden heute anders interpretiert als früher. die ansichten der Älteren wirken dann auch in diesem bereich anachronistisch. und zu den grundproblemen leiden und sterben haben wir in einer säkularen gesellschaft ohnehin nur schlechte antworten, da hilft auch erfahrung nicht. die angst vor dem tod ist ja ein weiterer grund, wieso wir menschen der moderne unsere erlebnisdichte steigern, also unser lebenstempo erhöhen. christian weber: das ist doch eine sinnvolle strategie. psychologen sagen, dass viele erlebnisse im rückblick zu einem gefühlt längeren leben führen. das ist doch schon was.hartmut rosa: sie beschreiben das bekannte zeitparadox: wenn ich spannende dinge erlebe und die zeit schneller vergeht, erscheint sie mir im nachhinein lang. ich diagnostiziere jedoch ein phänomen, dass ich fernsehparadox nenne: beim zappen etwa wechseln zuschauer alle paar sekunden das programm. dabei vergeht die zeit wie im flug. man will vielleicht nur fünf minuten gucken, am schluss sind es zwei stunden. die zeit ist dann zwar schnell vergangen, aber nach dem ausschalten fällt sie sofort zusammen, es bleibt nichts zurück. nach langem tv-konsum ist man nicht zufrieden und erfüllt, im gegenteil. ich glaube, das moderne zeiterfahrungsmuster weist in vielen lebensbereichen diese kurz-kurz-struktur auf. christian weber: die erlebnisse können aber auch sein: kurztrips nach london, kino und theater, bergsteigen am wochenende.hartmut rosa: ich vermute dennoch, dass mit der erlebnisdichte die erlebnistiefe abnimmt. wir erleben zwar sehr viel, aber erinnern uns nur durch souvenirs und äußere dingen daran. wir machen unsere erlebnisse nicht mehr zum teil unserer lebens- und entwicklungsgeschichte. wir erfahren kein wachstum, sondern eine ziel- und richtungslose veränderung. das ist kein fortschritt. hartmut rosa in "süddeutsche zeitung wissen" januar/februar 2009
gerard malanga: wenn sie unglücklich sind, sollten sie dafür bezahlt werden?
andy warhol: ja.
gerard malanga: wer sollte nicht bezahlt werden?
andy warhol: talentierte leute.
gerard malanga: warum?
andy warhol: weil sie alles so leicht schaffen.
satori ist nichts weiter als eine verfestigung von intersubjektiver ignoranz, die der unterdrückung und marginalisierung dialogischer realität vorschub leistet.
ken wilber in "integrale spiritualität" seite 76 / 2006
es ist sogar vorstellbar, dass wir gottes nervenzellen sind - wenn man davon ausgeht, dass das universum und diese singularität gott waren, der sich sozusagen selbst explodierte und nun im prozess seiner holografischen wiederherstellung ist.
zoltan torey in "WIE" ausgabe 23 / frühjahr 2007
sie beschreiben sehr ausführlich tiefpunkte im unterhaltungsfernsehen. was sagen sie zu dem satz: das publikum bekommt das fernsehen, das es will?
den satz hört man oft, aber er ist fast ebenso zynisch wie das fernsehen, das aus einer solchen haltung resultiert. wir wissen schlichtweg nicht, wie das publikum auf ein fernsehen reagierte, das verstärkt den geist anspräche und nicht nur den unterleib, ein fernsehen, das in seinem publikum keinen konsumenten sähe, den es misstrauisch zu unterjochen gilt, sondern einen partner, dem man mit einem vertrauensvorschuss begegnet, weil man ihm zutraut, dass seine konzentration länger anhält als 30 sekunden und dass seine neugier die strecke zwischen zwei werbepausen überdauert. ein solches fernsehen, von dem ich manchmal träume, kann man derzeit fast nirgends erleben. insofern würde ich den satz umkehren: das fernsehen züchtet sich jenes publikum heran, das es braucht, um tüchtig an ihm zu verdienen.
wirkliche künstler erkennt man nicht an der perfekten technischen darbietung, sondern am ausdruck, der ausstrahlung, die durch den umgang mit den pausen heranreift. künstler sprechen durch die pause, die mitnichten nichts ist, sondern geballte energie. In der aufbauphase der professionalität stehen handwerk, technik und vituosität im vordergrund. aber dann entdecken musiker, schauspieler oder tänzer die pause als wichtigstes gestaltungselement im fluss der klänge, worte oder bewegungen. musikwerke, poesie und choreografie sind dann kunstwerke, wenn sie die natürliche pulsation von 75% aktivem geschehen und 25% passivität, also pausen aufweisen. natürlich ist das nicht linear zu sehen, sondern in der verteilung von ruhepolen im gesamtgeschehen des kunstwerkes.
rosina sonnenschmidt in "lachesis" nr. 37 / Dezember 2008
ted berrigan: sagen sie etwas über happenings. sie werden als der geistige daddy des happenings bezeichnet.
john cage: happenings sind langweilig. wenn ich das wort "happening" höre, übergebe ich mich spontan in meine suppe.
ted berrigan: aber allen kaprow nennt sie "das einzige lebende happening".
john cage: allen kaprow kann meinen keller putzen!
nehmen wir richard serra. man ist naturgemäß in der mitte einer serra-skulptur, wenn man eine betrachtet. es ist aber gewiss nicht sein wunsch, daß man seine skulptur in irgendeiner weise benutzt. sie soll nicht teil der alltagswelt sein, sondern etwas entrücktes, religiöses darstellen. man soll ehrfurcht empfinden. und wer eingeschüchtert ist, ist auch schnell mit dem glauben dabei. denn da ist ja offensichtlich etwas über dir, das viel größer ist als du selbst. ich liebe viele von serras skulpturen. ich würde mir nur wünschen, dass ich, sobald ich innen angekommen bin, nicht bloß gott sehen muß, sondern zum beispiel etwas essen könnte, etwa an einem hotdog-stand.
vito acconci in "monopol" 4/2008
heute höre ich eher japanischen noise, vocal music bedeutet mir nicht mehr viel. ich finde jetzt musik gut, die einen umgibt, aber nicht direkt anspricht. wie architektur. sie ist um einen herum, aber du kannst etwas anderes dabei machen.
vito acconci in "monopol" 4/2008es kommt mir heute fast so vor, als wäre kunst eine art von religion. du musst glauben, was man dir erzählt. manchmal frage ich mich, ob kunst die menschen absichtlich zu untertanen macht. ob kunst sich nicht absichtlich mit einem mythos umgibt, damit sie weniger in frage gestellt und für die menschen noch wertvoller wird. auch im kommerziellen sinn.
vito acconci in "monopol" 4/2008
wie reagierten ihre mitstreiter aus der kunst, als sie museen und galerien den rücken kehrten?
sie gaben mir das gefühl, ein verräter zu sein. diese menschen glorifizieren die kunst. sie denken, design und architektur seien niedere disziplinen, weil sie sich mit dem alltagsleben befassen. doch genau das hat mich schon immer interessiert - auch in der kunst.
sie hätten aber auch auf beiden gebieten arbeiten können. warum der bruch?
ich habe mich mit kunst immer unwohl gefühlt. welche veränderungen die menschen, meine person eingeschlossen, dort auch immer geschaffen haben - die kunst bleibt eine visuelle angelegenheit. ich wollte etwas dagegensetzen: beteiligung, anteilnahme, sogar bewohnbarkeit. es gibt zwar viele ausnahmen, aber es ist doch nach wie vor so: hier der betrachter, da das kunstwerk. so entsteht ein zustand unerfüllten begehrens und dadurch frustration.
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