Necla Kelek und Thilo Sarrazin am 30. August 2010 auf der Pressekonferenz anlässlich Sarrazins Buchveröffentlichung “Deutschland schafft sich ab” in Berlin (Bildcredit Taz)
Auch als Minderheit hat man Privilegien. Beispielsweise dann, wenn man sich in der Öffentlichkeit bewegt. Dort haben wir eine Deutungs- und Meinungshoheit über unsere Leute, unsere Minderheit. Das ist unsere Geldmaschine. Unsere Macht.
Ich könnte jeden Schwachsinn erzählen, ich würde immer irgendwo Menschen finden, die ihn bereitwillig glauben. Denn wenn ich es sage, „die Türkin“, „die Muslimin“, dann wird es schon stimmen. Ich muss nichts beweisen. Das fängt an bei ironischen Märchen wie: „Na klar duschen wir mit dem Kopftuch“ (schon passiert). Und hört tatsächlich nirgendwo auf. Er geht so weit, wie „der Türke“ oder „die Türkin“ ihn gerne treiben mag.
„Die [islamisch erzogenen, Anm. der Red.] Menschen haben nicht die Fähigkeit, ihre Sexualität zu kontrollieren“, sagte Necla Kelek im ZDF und fuhr fort: „Besonders der Mann nicht, und der ist ständig eigentlich herausgefordert und muss auch der Sexualität nachgehen. Er muss sich entleeren, heißt es, und wenn er keine Frau findet, dann eben ein Tier […].“
Tja, wenn selbst „die Türkin“ (und wenn sie Lust hat, auch „die Muslimin“) Kelek erzählt, dass muslimische Männer ihre Sexualität an Tieren entleeren, dann muss es halt stimmen. Und ganz egal, was die UNO kürzlich dazu sagte – Thilo Sarrazin kann kein Rassist sein, weil „die Türkin“ Kelek doch eifrig nickte, bei seiner Buchveröffentlichung mit am Tisch saß. Wenn selbst „die Türkin“ ihm zustimmt, dann hat er sicher recht.
Eine andere „die Türkin“ lief mit Sarrazin durch Kreuzberg und erzählte später vom „Kreuzberger Mob“, den aggressiven Reaktionen dieser unzivilisierten Multikulti-Verharmloser und verschwieg die Beleidigungen, die sich der „Mob“ von ihrem Begleiter anhören musste.
Jüngst schrieb „der Türke“ Akif Pirincci vom schleichenden Genozid an den Deutschen durch die türkischen und muslimischen Männer: „Wie wird die Zukunft aussehen? Diese sich steigernde Deutsche-Totschlägerei wird medial sukzessive an ihrer Brisanz verlieren, so sehr, dass nur noch die allerschlimmsten Fälle in der Gewichtung von schweren Autounfällen Erwähnung finden werden.“
„Der Türke“ darf alles über seine Leute sagen und schreiben. Er darf sie beleidigen und rassistischer sein als der leidenschaftlichste Rassist. „Ihr kopfbetuchten und verschleierten Frauen, ich appelliere an euer Mutterherz und an euren Mutterstolz. Nicht nur, dass ihr in dieser Aufmachung wirklich widerlich ausseht, nein, dadurch bekommt ihr auch total hässliche, doofe und im schlimmsten Fall missgebildete Kinder“, so Pirincci zuletzt.
Vor vielen Jahren unterschied ein kluger Mann in den USA zwischen Haussklaven und Feldsklaven (im Original wurde damals das N-Wort verwendet). Der schwarze Haussklave identifiziere sich mit seinem weißen Herrn, er spreche wie er und denke wie er. Und beizeiten ist er gar erbarmungsloser und brutaler gegenüber seinesgleichen, den Feldsklaven. Und diese Haus- und Feldmentalität gebe es in ihrer modernen Form noch immer in den USA.
Deutschland ist nicht USA. Deutschtürken hier waren beileibe keine Sklaven. Nein. Aber was uns das Beispiel zeigt, ist:
Auch Minderheiten können rassistisch sein. Gegenüber anderen Minderheiten, aber auch gegen sich selbst. Und wenn ich heute Onkel Akif und Tante Necla lese, dann kann ich nicht mehr anders, als zu denken: Das sind sie, die Haustürken Deutschlands.
Dieser Text erschien leicht verkürzt als Kolume in der Taz
Hier schrieb ich eine Replik auf die Kritik von Stefanowitsch am Wort “Haustürken”
Mit “Die imaginären Haustürken” hat Anatol Stefanowitsch einen klugen und kritischen Kommentar zu meiner letzten Kolumne in der Taz “Die deutschen Haustürken” geschrieben. Deshalb möchte hier auf meinem Blog darauf eingehen. In seinem Kommentar kritisiert er die Verwendung des Begriffs “Haustürken.”
Tatsächlich aber dürften wenigstens Zweifel an der Existenz einer großen Zahl von „Onkel Toms“ angebracht sein. (Quelle: “Die imaginären Haustürken”)
Auch Haussklaven waren Sklaven, die ausgebeutet und missbraucht und ohne Rücksicht auf Familienbeziehungen ge- und verkauft wurden. Die Idee, dass sie das nicht durchschaut und sich stattdessen in großer Zahl mit ihren Peinigern solidarisiert haben, dürfte eher (weißen) medialen Darstellungen als der Wirklichkeit entspringen. Zumindest verbietet es sich, die Narrative unreflektiert zu übernehmen und auf andere Zusammenhänge anzuwenden, wie Gümüsay das tut. Spätestens mit dieser Übertragung akzeptiert man den Wahrheitsgehalt, und damit die rassistische Perspektive, dieser Narrative. (Quelle: “Die imaginären Haustürken”)
So habe ich Malcolm X nicht verstanden. So wie ich ihn verstehe, meint er mit der Verwendung des Begriffs “Haussklave” nicht, dass alle Sklaven, die im Haus lebten, diesem Typus zuzuordnen sind. Stattdessen erklärt er, dass der Typus Haussklave, namentlich die “Onkel Toms”, für gewöhnlich im Haus oder in der Nähe des Masters lebten und veranschaulicht deren Geisteshaltung. Zwar schreibt Stefanowitsch, dass Malcolm X dies als Allegorie zur Veranschaulichung verwende und dies berechtigt sei. Andererseits ist es aber auch genau diese Allegorie, auf die ich mich in meinem Text beziehe.
Hier die besagten Stellen aus Malcolm X’ Rede:
The house N**** usually lived close to his master. He dressed like his master. He wore his master’s second-hand clothes. He ate food that his master left on the table. (Quelle: Columbia CNMTL)
Die Quintessenz seiner Rede ist allerdings der Transfer in die Moderne, zu dem Haussklaven des 20. Jahrhunderts:
So now you have a twentieth-century-type of house N****. A twentieth-century Uncle Tom. He’s just as much an Uncle Tom today as Uncle Tom was 100 and 200 years ago. Only he’s a modern Uncle Tom. That Uncle Tom wore a handkerchief around his head. This Uncle Tom wears a top hat. He’s sharp. He dresses just like you do. He speaks the same phraseology, the same language. He tries to speak it better than you do. He speaks with the same accents, same diction. And when you say, “your army,” he says, “our army.” He hasn’t got anybody to defend him, but anytime you say “we” he says “we.” “Our president,” “our government,” “our Senate,” “our congressmen,” “our this and our that.” And he hasn’t even got a seat in that “our” even at the end of the line. So this is the twentieth-century N****. Whenever you say “you,” the personal pronoun in the singular or in the plural, he uses it right along with you. When you say you’re in trouble, he says, “Yes, we’re in trouble.”
But there’s another kind of Black man on the scene. If you say you’re in trouble, he says, “Yes, you’re in trouble.” [Laughter] He doesn’t identify himself with your plight whatsoever. (Quelle: Columbia CNMTL)
Das zweite Problem besteht darin, dass Gümüsay den von ihr (inhaltlich durchaus zu recht) kritisierten Necla Kelek und Akif Pirincci durch die Kategorisierung als „Haustürken“ nicht nur, wie vielleicht intendiert, die Legitimation abspricht, für die Türken (bzw. Deutsche mit türkischem Hintergrund) insgesamt zu sprechen, sondern die Legitimation abspricht, überhaupt als Türken (bzw. Deutsche mit türkischem Hintergrund) zu sprechen. Die Kategorisierung als „Haustürke“ suggeriert, dass Kelek, Pirincci und andere so stark mit den Machtstrukturen der deutschen Mehrheitsgesellschaft identfizieren, dass sie nicht mehr für sich, sondern für die Mehrheitsgesellschaft reden. (Quelle: “Die imaginären Haustürken”)
Abweichend von Malcolm X’ Allegorie mache ich in meiner Kolumne immer wieder deutlich, dass Pirincci und Kelek als “der/die Türke/in” sprechen und auch so wahrgenommen werden – insbesondere Kelek: Sie wechselt mal von der “Deutschen” zur “Bürgerin” zur “Türkin” und wenn ihr danach ist, dann auch zur “Muslimin”, um sich Wochen danach als “religionsfrei” zu bezeichnen. Insofern mache ich hier also eine Einschränkung in der Übertragung der Haussklaven-Allegorie.
Man könnte an dieser Stelle einhacken und boshaft nachfragen, ob ich finde, dass sie das künftig nicht mehr dürfen sollten? Sollen sich Pirincci und Kelek bezeichnen und identifizieren, wie ihnen lustig ist. Mich interessiert das nicht.
Mich interessiert eine ganz andere Sache: Ich kritisiere, dass diese Personen als Kronzeugen in der Öffentlickeit den Rassismus reproduzieren und die Rhetorik von Rassisten nicht nur annehmen, sondern in einer verschärften und teilweise hetzerisch-ketzerischen Form wiederverwenden (siehe die in der Kolumne zitierten Textstellen von Kelek und Pirincci) – und ihre Minderheiten-Rolle dient ihnen dabei quasi als Freischein.Ich möchte (aus der Kolumne) wiederholen: Auch Minderheiten können Rassismus reproduzieren. Gegenüber anderen Minderheiten und gegenüber ihrer eigenen.
Zuletzt schreibt Stefanowitsch:
Zielführender wäre es gewesen, zu zeigen, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft nur zu bereit ist, sich eben denjenigen Meinungen von Angehörigen einer Minderheit herauszusuchen, die gut zu ihrem Selbstbild passen und die es nicht erfordern, die eigene Rolle zu reflektieren oder gar zu verändern. (Quelle: “Die imaginären Haustürken”)
D’accord. Das ist – wie in der Kolumne geschrieben – ein Teil meiner Kritik (siehe die ersten beiden Absätze).
Das ist aber kaum Kelek und Pirincci anzulasten, sondern denjenigen, die deren Positionen unter Ausschluss von Fakten oder anderen Positionen politisch instrumentalisieren. (Quelle: “Die imaginären Haustürken”)
Das sehe ich anders. Denn wie ich schon zu Anfang schon meiner Kolumne schrieb: Das ist unsere Geldmaschine.
Beharre ich aber auf dem Begriff “Haustürken”? Nein. Für Alternativen, die dieses Phänomen oder diese Geisteshaltung besser beschreiben, bin ich offen. Patricia schrieb auf meiner Facebook-Seite: “Ich würde hier eher in Homi Bhabhas Sinne von Mimikry sprechen als von ‘Feld-” und “Haussklaven’.” Darüber werde ich nachdenken.
“It’s better to light a candle than to curse the darkness”
Spruch auf einem der Zahnräder-Jutebeutel | Bild von Seren Başoğul
Mitte April fand in Heidelberg die Zahnräder Konferenz 2013 statt – über 100 Muslime aus ganz Deutschland und sogar Österreich und der Schweiz kamen zusammen, um sich auszutauschen, zu netzwerken, über ihr Engagement zu informieren, neue Unterstützter zu gewinnen und sich für das Preisgeld zu bewerben.
Schon zum dritten Mal fand nun die bundesweite Zahnräder Konferenz statt, zahlreiche Konferenzen haben bereits auf lokaler Ebene stattgefunden – und trotzdem: Jedes Mal überwältigt mich die Energie der vielen engagierten und aktiven Menschen, die ich dort treffe. Obwohl ich dieses Mal ziemlich, ziemlich erschöpft und müde vom ganzen Reisen in den Tagen zuvor war, mit meinem Presseteam während der Konferenz hart arbeitete und deshalb nur halbwegs aufnahmefähig war, haben mich die Menschen, ihre Ideen und ihre Begeisterung unheimlich beeindruckt.
Man hat es schon oft gesagt, aber nicht oft genug: Integration ist von gestern. Partizipation ist die Zukunft. Genau das tun junge Muslime in Deutschland. Sie beschäftigen sich mit Umweltthemen (Gewinner 2010: HIMA; Gewinner 2013: NOUR Energy; Bodenproben;…), Barrierefreiheit (Gewinner 2013: Deaf Islam), Kunst (Gewinner 2011: i,Slam; Muslim Talents; Schattenwelten; Islamische Denkfabrik;…), Bildung (Gewinner 2010: Study Coach; Grüne Banane; Gewinner 2013: Spielen bildet und verbindet; …) Medien (Gewinner 2010: Cube Mag; Gewinner 2010: Muslime TV; …), Politik, Wirtschaft, Psychologie, Wissenschaft … man kann die Liste endlos weiterführen.
Ege Karar von Deaf Islam im Interview mit Zahnräder | Bild von Seren Başoğul
Zu meinen persönlichen Highlights gehörte in diesem Jahr der Vortrag von Ege Karar, dem Gründer von Deaf Islam. In seinem Vortrag erzählte von Fun-Facts aus der Gebärdensprache (“Tee” in der deutschen Gebärdensprache: Teebeutel tunken, in der türkischen Gebärdensprache: mit dem Löffel rühren), warum er und andere taube Muslime die deutsche Gebärde für “Islam” von der Gebetsbewegung zur “Hingabe” veränderten, aber auch welche Hindernisse, Probleme und Widerstände taube Muslime in der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland erfahren. Während in Ländern wie Jordanien oder Ägypten Dolmetscher in vielen Moscheen selbstverständlich eingesetzt werden, hinkt Deutschland noch weit hinterher. Tauben Muslimen bleiben so zentrale Aktivitäten und Gemeinschaftserlebnisse wie die wöchentlichen Freitagspredigten vorenthalten. Ege Karars Vortrag hat mich sehr bewegt und berührt. Er zeigte auf, wo noch viel Handlungsbedarf besteht und wie leichtfertig wir Minderheiten innerhalb von Minderheiten vergessen und übersehen. Danke, Ege Karar für diese hervorragenden Einsichten und Worte! Auf dass deinen Worten nun die Taten der vielen Zuhörer folgen mögen.
Verdient gewann Deaf Islam deshalb auch den ersten Preis. Den zweiten Platz machte ebenfalls verdient Nour Energy, die sich für umweltschonende, grüne Moscheen einsetzen. Mit “Spielen bildet und verbindet” gewann außerdem ein tolles spielerisches Bildungsprojekt/produkt den dritten Platz. Den Jurypreis gewann das Bibliotheksprojekt des Islamischen Zentrums Dresden. Gratulation!
Drei Jahre ist die Gründung von Zahnräder nun her. Und wenn ich mir die großartigen Aktiven anschaue, dann blicke ich mit Freude in die Zukunft. Danke, danke, danke an die tollen Zahnräder! Möge Er unsere Taten annehmen.
Aktiv werden. Mitmachen. Was kann es Schöneres geben, als die Welt, in der wir leben, mit einem freundlichen Lächeln mitzugestalten?
Mehr Zahnräder? Gerne. Hier die Webseite, schöne Videos bei Vimeo, außerdem auf Twitter, Instagram und natürlich auf Facebook .
Die Aktivistinnen von Femen wollen die muslimische Frau befreien. Was die dazu sagt, spielt dabei keine Rolle. Wie aus einer guten Sache eine hässliche wird.
Mit erhobenen Fäusten und nacktem Oberkörper protestierten vorige Woche Aktivistinnen der Gruppe Femen aus Solidarität zu Amina Tyler. Die Tunesierin hatte Bilder von sich online gestellt, auf denen sie barbusig mit der Aufschrift „Fuck your Morals“ und „Mein Körper gehört mir und ist nicht Quelle von irgendjemandes Ehre“ zu sehen war.
Damit hatte Tyler eine Kontroverse in Tunesien entfacht. Als konservative Prediger Peitschenhiebe und gar die Steinigung der jungen Frau forderten und Tyler für mehrere Tage von der Bildfläche verschwand, kündigte Femen den internationalen „Topless Jihad Day“ an.
So weit komme ich noch mit. So weit stünde ich auch voll hinter den Protesten, wenn sie beispielsweise vor dem tunesischen Konsulat stattfinden würden. Denn das Konsulat ist ein Symbol staatlicher tunesischer Macht.
Lächerlich und sinnbefreit wird es allerdings, wenn sich die Femen-Frauen barbusig und mit den Aufschriften „Fuck your morals“, „Fuck Islamism“, „Arab Women Against Islamism“ und „Free Amina“ vor eine Ahmadiyya-Moschee stellen, wie das letzte Woche in Berlin geschah. Vor die Moschee einer religiösen Minderheit also, die in vielen islamischen Ländern verfolgt wird. Was war die Idee? Das sind alles Muslime, wird schon irgendwie passen? Es passt nicht.
Aus den Protesten sprechen Unkenntnis und Ignoranz. Und dabei geht es nicht darum, dass ich mich nicht ausziehen würde, um für meine Ziele zu kämpfen. Die Mittel sind das eine, viel wichtiger ist die Frage: Welches Ziel will ich mit ebendiesen Mitteln erreichen? Wen will ich mit meinen Angriffen treffen?
Und da wird es finster: Eine Femen-Aktivistin wickelte sich in den USA ein Handtuch als Turban über den Kopf, hängte sich einen Bart ins Gesicht und malte die Brauen zusammen, um dann in Gebetsstellung und barbusig zu posieren. Warum? Weil alle Turbanträger Muslime sind? Und zusammengewachsene Brauen stehen dann für …? In Paris verbrannten Aktivistinnen eine Flagge mit dem islamischen Glaubensbekenntnis vor der großen Pariser Moschee. Die Medien stehen drauf.
Und schon vor einem Monat hatten Femen-Aktivistinnen in Schweden den Islam zum Thema, damals protestierten sie gegen das Kopftuch und riefen: „Nein zum Kopftuch! Das Kopftuch ist keine Wahl!“
Der „Topless Jihad Day“ mag zwar als Solidaritätsakt für Amina Tyler und andere Frauen, die sich gegen das islamische Wertesystem auflehnen, gestartet sein. Letztlich reiten die Femen-Frauen aber nur erfolgreich auf antiislamischen Ressentiments, gebrauchen rassistische und islamophobe Stereotype und vor allem: Sie zeigen jenen muslimischen Frauen, die sich seit Jahrzehnten für Frauenrechte in islamischen Ländern einsetzen, den großen Mittelfinger.
Ja, muslimische Feministinnen. Die gibt es. Ein Ding, oder? Mit Kopftuch. Ich zähle mich selbst dazu, wenn mir die Damen das gestatten mögen. Nicht? Mir auch egal.
Mit ihren provokativen und inhaltsfreien Inszenierungen zeigen die Femen-Aktivistinnen, was sie von muslimische Frauenrechtlerinnen halten, die tatsächlich an der Basis arbeiten: nichts. Sie sind nicht die Einzigen, leider gilt für so manche westliche FeministIn: Was nicht in ihr Bild passt, wird auch nicht für voll genommen.
In den vergangenen Tagen protestieren Hunderte muslimischer Frauen, die sich von Femen bevormundet fühlten, mit dem Hashtag #MuslimahPride auf Facebook, Twitter und anderen sozialen Medien. Sie stellten Bilder von sich online mit Plakaten, auf denen „Du brauchst mich nicht befreien, ich bin schon frei“ oder „Das Kopftuch ist meine Wahl“ stand.
Auch in Berlin standen nach dem Femen-Protest Musliminnen vor der Ahmadiyya-Moschee. Betül Ulusoy, Iniatorin der Aktion, hielt ein Schild hoch: „Kämpfe für mich! Lass mich so sein, wie ich es will, nicht so, wie du es für richtig hältst.“ Inna Shevchenko, prominente Femen-Aktivistin, reagierte darauf in einem Artikel unter anderem mit dem Satz: „Wie ihr wisst, haben über die gesamte Geschichte der Menschheit hinweg alle Sklaven bestritten, dass sie Sklaven sind.“
Bevormundung und Absprechen des Verstands – war es nicht das, wogegen FeministInnen eigentlich kämpfen?
Dieser Text ist zuerst in der Taz vom 10. April 2013 erschienen.
“Sie [Die Deutschen] sind mittlerweile zu einem Haufen von Duckmäusern pervertiert, die unter der linksgrünen Gesinnungsdiktatur in völliger Furcht um ihr gesellschaftliches Ansehen, inzwischen auch um ihre Existenz nichts mehr politisch Unkorrektes zu sagen wagen, schon gar nicht würden sie dafür demonstrieren. Denn wie wir derzeit den Medien entnehmen, wird eher ein Salafist zum Polizisten, als ein Deutscher, der sich zum Patriotismus bekennt. Zudem haben die Deutschen ihr Leben und die Verantwortung dafür zur Gänze dem Staat anvertraut. Der Nachbarsjunge ist von Ausländern erschlagen worden? Ja schade um ihn, da soll sich aber der Staat drum kümmern. Was hab ich denn damit zu tun? Nachher denkt man, ich bin ausländerfeindlich.”
Ich will gar nicht viele Worte verlieren, denn über Menschen
wie Akif Pirinçci ist eigentlich alles schon einmal gesagt worden.
“Nasılsın?”, diye soruyorum.
“Elhamdulillah” diyorsun, sakin ve gülümseyerek.
Sessizce ağlıyorsun.
via Hyperbole & A Half – because she gets what she wants.
Meine Damen und Herren. Schauet und genießet das neue Design.
… schrieb ich vor knapp einem Jahr als mich wieder einmal die Beklemmung ergriff. Das Gefühl, etwas radikal ändern zu müssen. Andere Menschen verpassen sich in solchen Situationen eine verrückte Frisur, entrümpeln ihren Kleiderschrank oder schieben das Sofa in eine andere Zimmerecke. Ich hingegen setzte ich mich jedes Mal an meinen Laptop und versuchte mein Blogspot-Blog umzustylen. Herzklopfend und aufgeregt wagte ich mich in den gefährlichen HTML-Bereich meines Blogs und legte etliche Zwischenspeicher an – in Angst, die vielen Jahre Blogarbeit könnten mir mit einem Klick davonflutschen, auf Nimmerwiedersehen im HTML-Nirvana.
Das war auch der Grund, warum ich nie auszog und meine Bloggerheimat Blogspot verließ. Würden all die Liebe, der Schweiß und das Herzblut mit mir ziehen nach WordPress? Ich war mir unsicher. Niemand konnte mich von den technischen Finessen der Internet-Neuzeit überzeugen und so blieb ich dabei. Denn ein echter Paint-Profi, redete ich mir ein, macht aus seiner Situation das Beste und zaubert sich einfach ein Design hämmert, klebt und tackert sich eine Seite in mühevoller Arbeit einfach zusammen (Durchstreichen. Ha. Das wollte ich schon immer Mal tun!). Deshalb schrieb ich damals stolz:
Ich bin eine HTML-Königin mit Paint-Profi-Syndrom. Und das ist auch gut so.
Heute weiß ich’s besser: Das ist nicht gut so. Das ist höchstens okay.
Auch ich möchte nämlich endlich, endlich ganz praktisch – mit nur einem Klick! – einen Weiterlesenknopf mitten im Text einbetten und damit Spannung aufbauen. Ich möchte Wörter durchstreichen und labeln. Ich möchte
Zitate
einfügen können, die automatisch mit Gänsefüßchen geschmückt werden und unnötig viel Platz zwischen den Zeilen verschwenden. Denn das ist ja das Internet, ich habe hier so viel Platz wie ich will, verdammt noch mal. Und außerdem kostet das nix.
Bei Blogspot geht das alles aber nicht ohne weiteres. Blogspot, müsst ihr wissen, verhält sich zu WordPress so wie Paint zu Photoshop. Blogspot ist für Kinder und/oder Leute wie mich, die sich stolz “Paint-Profis” nennen:
Wir Paint-Profis sind Menschen, die aus den beschränkten Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, das Beste machen. Und eigentlich sind Paint-Profis auch ganz glücklich so. Bis sie dann den Photoshop-Hipster kennenlernen, der in zwei Sekunden mit Ctrl+Y+@+^+Whateva ruckzuck das macht, wofür wir Paintler in mühevollen zehn Minuten mit sehr viel Liebe am Bildschirm klebend versuchen den Farbeimer über dem richtigen Feld auszuschütten.
Als Blogspot-Nutzer fühlte ich mich wie die kleine hässliche und vernachlässigte Schwester der hübschen WordPress/Tumblr-Hipsterzwillinge, für die kein Designer einen Finger krümmt. Es gibt keine schönen Themes und Templates und Widgets und Plug-Ins und [insert coole WordPress-Anglizismen] für uns. Kein Dropdown-Menu. Und vor allem keine niedlichen Tag-Clouds.
Deshalb bin ich nach fünf Jahren bei Blogspot ausgezogen zu den Erwachsenen, nach WordPress. Riyad, Emre und Akif haben mir beim Umziehen geholfen. Danke, ohne euch hätte ich mich heulend in eine Ecke gestellt.
Danke Blogspot. Es war nicht immer ansehnlich, aber meistens doch sehr schön mit dir. Ich hab viel gelernt. Außerdem hast du Recht, eine Tag-Cloud braucht man wirklich nicht.
Meine Damen und Herren. Schauet und genießet das neue Design.
Ich bin ein Internetkind. Seitdem ich im Ausland lebe, spielt auch das Telefon immer weniger eine Rolle. Selten noch telefoniere ich einfach so mit Freunden und verquatsche mich bis spät in die Nacht, wie ich das früher tat. Heute verabrede ich mich zum Skype-Gespräch. Und immer muss einer schon nach einer halben Stunde wieder weg, arbeiten, zur nächsten Konferenz oder wir geben beim zehnten “Hörst du mich?” auf.
Dann gibt es Freunde, die ich vermutlich nie wieder sehen werde. Es sind Freundschaften, die rein zufällig entstanden sind. Man verbringt ein langes Wochenende zusammen, unterhält sich auf Zugreisen, Autofahrten, im Halbschlaf im Wohnzimmer im Versuch die kurze gemeinsame Zeit bis in die letzten Sekunden auszukosten. Und dann kommt die Stille.
Kübra Gümüsay, journalist and blogger, is the first hijabi columnist in Germany. In 2011 she was listed as the Top 30 Journalists under 30 and her blog "Ein Fremdwörterbuch" was nominated for the Grimme Online Award. 2012 she was also listed as one of the Top 50 German-Turks by the Ministry for Turks Abroad and Related Communities (Turkey).
As a freelance journalist she works for media outlets such as Die Tageszeitung, Die Zeit, Zeit Campus and many others. She is reporting on topics such as the Internet, Social Media, Feminism, Islam, Racism and Islamophobia. Besides her work as a journalist, she is also involved in different communities to empower young immigrants as a role model and mentor. In 2010 she has co-founded Zahnräder, a network of young and successful Muslim academics, social entrepreneurs, media personalities and artists that has earned several awards for its innovative and sustainable work
Columnist at Tageszeitung writing about women, Islam, politics, Islamophobia, integration, migration, and cultures.
Editor in chief of the youth magazine Freihafen (circulation 20.000)
Board Member of the young journalists association in Hamburg, Germany.